Ergebnisse

„Das Ergebnis ist beeindruckend“, sind sich die wissenschaftlichen Leiter Professor Christoph Maier, Bochum, und Professor Jürgen Osterbrink, Salzburg, einig: Die Anzahl von Patienten, die nachts starke Schmerzen quälen, reduzierte sich um mehr als die Hälfte. 13 Prozent weniger haben Schmerzen beim Gehen oder Aufstehen. Über 90 Prozent der Patienten melden sich bei Schmerzen rechtzeitig. Vorher waren es rund 60 Prozent. Auch Ärzte und Pflegende bewerten die Qualität der Schmerztherapie mit der Schulnote „gut“. „Insgesamt haben wir über 8.000 Patienten, mehr als 5.000 Pflegende sowie über 2.500 Ärzte befragt“, sagt Prof. Maier. Dadurch ist das Schmerzfreie Krankenhaus das weltweit größte Projekt dieser Art. Die gewonnen Daten liefern die Grundlage, um in weiteren Kliniken ein multiprofessionelles Schmerzmanagement zu etablieren.

Abb.: Anteil der Patienten bei der Erstbefragung (blau) und nach der Intervention im Projekt Schmerzfreies Krankenhaus (rot), die sich trotz Schmerz nicht meldeten; unterteilt in operativ und konservativ behandelte Patienten; © Certkom e.V.

Behandlungsrichtlinien sind unverzichtbar

Die Kliniken entwickelten in Zusammenarbeit mit der Projektgruppe verbindliche schriftliche Regelungen, die sich am Nationalen Expertenstandard in der Pflege zum Thema Schmerzmanagement orientieren, der 2005 durch das Deutsche Netzwerk zur Qualitätsentwicklung in der Pflege verabschiedet wurde. Die Verfahrensanweisungen und schriftlichen Regelungen wurden in den einzelnen Kliniken individuell ausgestaltet und über das Intranet, durch Fortbildungen sowie durch die Teilnehmer der Arbeitsgruppe Schmerz transparent gemacht. Neben verbindlichen Therapiestandards beinhalten die Regelungen nicht-medikamentöse Maßnahmen, die von Pflegenden und Physiotherapeuten durchgeführt werden. Auch berufsgruppenspezifische Schwerpunkte im Schmerzmanagement sind beschrieben. Dazu gehört zum Beispiel die Zuständigkeit der Pflegenden für die Schmerzerfassung. So wird heute in allen zertifizierten Krankenhäusern die Schmerzstärke mittels einer Schmerzskala gemessen und in Patientenkurven dokumentiert. „Schmerzen müssen so regelmäßig wie Blutdruck oder Fieber gemessen werden, um zu wissen, wie viel Schmerzmittel der Patient braucht“, erklärt  Prof. Maier. Damit Pflegende kompetent handeln können, gibt es Algorithmen, die regeln, wann wie viel von welchem Schmerzmittel gegeben wird. Um Versorgungslücken zu verhindern, hat das Expertenteam zudem die Festlegung von Interventionsgrenzen gefordert, bei der die Pflegende den Arzt ruft oder dieser den Schmerzspezialisten. Auch die Verständigung zwischen den Berufsgruppen funktioniert laut Prof. Maier, weil es eindeutige Kommunikationsstrukturen gibt. Patienten erhalten Informationsblätter, die sie über die Möglichkeiten der Schmerztherapie und Maßnahmen, die sie eigenständig ergreifen können, aufklären.

Qualifizierte Schmerztherapie funktioniert

Die Anstrengungen haben sich laut Expertenteam gelohnt: Die Anzahl von Patienten, die besonders nachts starke Schmerzen hatte, wurden um über 50 Prozent reduziert. Wenn Patienten bei Schmerzen die Pflegenden informieren, erhalten sie jetzt in mehr als zwei Drittel der Fälle ein wirksames Medikament. Vor Beginn des Projekts waren es nur 50 Prozent. 74 Prozent der behandelten Patienten sind heute schmerzfrei oder haben nur geringe Schmerzen. Ärzte und Pflegende haben gelernt, den Patienten nach einer Operation frühzeitig zu mobilisieren oder führen Krankengymnastik durch, um die Genesung zu fördern und verlagern Schwerkranke regelmäßig in eine andere Position. So konnte der Anteil an Patienten mit starken Schmerzen beim Aufstehen oder Gehen von 39 Prozent auf 26 Prozent und die Schmerzen bei Lagewechseln von 29 Prozent auf 18 Prozent reduziert werden. Die Erfahrung der Patienten, dass ihnen bei Schmerzen geholfen wird, ist wichtig. Denn dadurch informieren über 90 Prozent die Pflegenden rechtzeitig. Vor Beginn des Projekts hielten über ein Drittel ihre Schmerzen aus, bis sie unerträglich waren. Auch mehr als 85 Prozent der Ärzte und Pflegenden sind mit dem optimierten Schmerzmanagement sehr zufrieden. Sie bewerten die Qualität der Schmerztherapie mit der Note „gut“ (vorher „befriedigend“). Über 70 Prozent sind der Meinung, dass sich die Kommunikation innerhalb der Berufsgruppen und zwischen den unterschiedlichen Disziplinen verbessert hat (Certkom e.V. data on file).

Abb.: Anteil der Patienten mit Anlässen starker Schmerzen bei der Erstbefragung (blau) und nach der Intervention (rot) im Projekt Schmerzfreies Krankenhaus, dargestellt in Prozenten; © Certkom e.V.
Abb.: Anteil von Patienten mit zu starken Schmerzen, nach eigener Einschätzung, im Tagesverlauf bei der Erstbefragung (blau) und nach der Intervention (rot) im Projekt Schmerzfreies Krankenhaus; © Certkom e.V.

„Die Ergebnisse zeigen, dass das ehrgeizige Ziel einer qualitätsgesicherten Schmerztherapie in deutschen Kliniken möglich ist. Dazu müssen die Erfassung der Schmerzstärke und die Dokumentation, medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen sowie Beratungen und Schulungen systematisch durchgeführt und aufeinander abgestimmt sein“, sagt Prof. Osterbrink.

Damit sich nach Abschluss des erfolgreichen Pilotprojekts weitere Kliniken dieser Herausforderung stellen können, wurde die Gesellschaft für Qualifizierte Schmerztherapie - Certkom e.V. gegründet.

Certkom e.V. bietet Kliniken die Möglichkeit, ihr berufsgruppenübergreifendes und systematisches Schmerzmanagement durch eine Zertifizierung „Qualifizierte Schmerztherapie“ nachzuweisen und nach außen transparent darstellen zu können.

Notwendig für die Zertifizierung ist, dass Vorgaben auf der Struktur-, Prozess- und Ergebnisebene erfüllt werden.

So müssen Regelungen vorhanden sein, die ein systematisches, berufsgruppenübergreifendes Schmerzmanagement ermöglichen. Diese Strukturen müssen für die Zertifizierung tatsächlich umgesetzt werden und damit überprüfbar sein und das Ergebnis einer qualifizierten Schmerztherapie muss beim Patienten ankommen. Dies wird durch eine Patientenbefragung überprüft.

Um all diese Voraussetzungen erreichen zu können, bietet Certkom e.V. den Kliniken Beratungen an, um sie in der Umsetzung der Voraussetzungen zu unterstützen.

Einen ersten Test zur Zertifizierungsfähigkeit kann eine Klinik über ein Selbsteinschätzungsmodul auf der Homepage von Certkom e.V. (www.certkom.com) durchführen. Hierzu werden Patienten befragt und die Daten von Certkom e.V. für die Klinik ausgewertet. Diese erhält dann eine Rückmeldung über die bereits vorhandene Qualität der Schmerztherapie.

Sie erreichen Certkom e.V. über die Internetseite www.certkom.com oder direkt über die Telefonnummer: 0234 / 325 3095.